Wie hast Du das aushalten können?

“Wie hast Du das nur aushalten können?”

Disclaimer am Anfang: Bei diesem Post habe ich Sorge, dass ihn sich genau “die Falschen” zu Herzen nehmen. Also: Es geht mir nicht darum, dass Leute, die schon viel mitfühlen und tun, sich ungenügend fühlen. Nur darum, dass wir kurz checken, ob wir was Hilfreiches tun können, auch wenn es schwer ist. Und dass das besten genau die Menschen tun, die das sonst eher nicht machen.

 

 

“Wie hast Du das nur aushalten können?”

 

Das werde ich tatsächlich gerade häufig gefragt. Im SWR-Nachtcafé, und von anderen, die das erste Mal erfahren, dass ich meine Schwester mit schwerer und schwerster ME gepflegt habe.

Und ich habe eine sehr zwiespältige Reaktion darauf. Einerseits tut es gut, Anerkennung zu bekommen. Es war nicht leicht, und es ist schön, dafür gesehen zu werden, dass ich etwas “Gutes” getan habe.

 

Andererseits merke ich, dass ich immer ungeduldiger mit der Frage werde: Was hätte ich denn sonst tun sollen? Das war meine Schwester!

Und so schwer war es auch wieder nicht. Schwer war Siljas Leben – ich habe einfach eine Woche im Monat was anderes gemacht als sonst.

 

Ich muss das mal auseinanderpflücken, weil die Kommentare ja gut gemeint sind.

 

Warum macht mich das also so ärgerlich?

 

Mein erster Gedanke dazu ist: Ich will, dass sich alle selbstverständlich so verhalten. Es tut mir weh, wenn das nicht passiert. Der Grund, warum ich meine Geschichte erzähle, ist nicht, dass ich toll dastehen will, sondern dass ich weiß, dass es Hunderte und Tausende Menschen gibt, die genauso leiden wie Silja und diese Begleitung nicht haben. Dass es Familien gibt, die die Krankheit nicht verstehen und die Betroffenen nicht unterstützen wollen. Dass es Menschen gibt, die allein sind. Dass es Angehörige gibt, die selbst krank sind, die Kinder versorgen, die Vollzeitjobs haben, die sie nicht aufgeben können.

Es gibt so viele Gründe, warum Betroffene ohne Begleitung leiden, und viele davon finde ich verständlich. Es geht also nicht darum, überforderten Angehörigen Vorwürfe zu machen. Im Gegenteil: Auch die sind ja alleingelassen und werden nicht unterstützt.

 

Wenn ich also sage, ich wünsche mir, dass sich alle selbstverständlich hilfsbereit verhalten, ist da erstmal der Schmerz, dass das gar nicht geht. Dass meine Situation – keine Verantwortung für eine Familie, ein Job, indem ich meine Zeit frei einteilen kann, die Fähigkeit, bürokratische Prozesse gut zu bewältigen – eine privilegierte ist. Ganz viele Menschen werden liegengelassen, weil es ihr Umfeld nicht anders schafft.

Das ist sehr schmerzhaft.

 

Dann ist da der zweite Gedanke: Was ist mit den Menschen, die nicht helfen, obwohl sie scheinbar könnten?

Für die fühle ich weiter Ärger, und jede Menge Stories entstehen in meinem Kopf: Die Gesellschaft wird immer egoistischer, Menschen sehen gar nicht, wie es anderen neben ihnen geht usw.

 

Neulich hat mal jemand was von “heiliger Wut” gesagt – so fühlt sich das an. Der brennende Wunsch, das verändern zu können. Die Menschen darauf zu stoßen, welches Leid direkt vor ihren Nasen passiert – und auch darauf, dass es leicht wäre, Teile davon zu verändern.

Ich habe den Eindruck, dass ich einen Teil dieses Drives gern behalten möchte. Ich muss ihn aber noch ein bißchen hin- und herwenden, um nicht rechthaberisch und ungerecht zu sein.

 

Ich gehe davon aus, dass niemand von diesen Menschen “böse” ist - und hier wird mir klar, warum ich das “gut” da oben schon nicht mochte: Diese Konzepte schaffen unnötige Wertungen und Trennungen zwischen Menschen.

 

 

Und das Fazit?

Ja, es ist wichtig, sich nicht zu überlasten und sich nicht zu viel emotionalem Schmerz auszusetzen.

Aber/und: Man kann auch üben, sich zu strecken. Sich langsam und vorsichtig mal den schwierigen Gefühlen auszusetzen.

Im wirklichen Leben zählt es total, wenn ich im Rahmen meiner Möglichkeiten ein bißchen helfe. Auch wenn das bedeutet, dass ich mich emotional etwas mehr belaste.

 

Im Grunde ist das etwas, das wird über unser gesamtes Leben lernen können. Als Kinder müssen wir das sowieso tun: Ganz anfangs, als Säuglinge, versorgt uns unser Umfeld mit allem. Später müssen wir öfter und öfter auch mal mit unangenehmen Situationen oder unerfüllten Bedürfnissen sein und lernen, uns selbst zu versorgen. Und auch wenn es natürlich manchmal toll wäre, wenn uns weiter wie im Schlaraffenland die Beeren in den Mund wüchsen – dieses “Strecken”, das Lernen, dass wir mehr und mehr Dinge tun und Gefühle bewältigen können, macht uns zu kompetenten Erwachsenen.

Es ist ok, dass das nicht immer einfach ist. So geht Wachstum.

 

Und das ist eigentlich der Appell, der hinter meinem manchmal etwas rechthaberischen Ärger steckt:

 

Erstens, sorgt gut für Euch selbst. Wir sind die wichtigsten Personen für uns selbst. Oder, wie im Flugzeug gesagt wird: “Setzen Sie zuerst Ihre eigene Maske auf, erst dann helfen Sie Kindern und anderen Passagieren.”

 

Und zweitens: Wir können versuchen, etwas Schwieriges zu tun oder zu fühlen, gerade wenn das für andere Menschen einen Unterschied macht. Es ist auch natürlich, diese Grenzen immer mal weiter auszudehnen. Jede Mutter stellt selbstverständlich ihre Bedürfnisse für ihr Kind zurück. Gesunde Erwachsene können das tun. Nicht die ganze Zeit, nicht in allen ihren Beziehungen gleichzeitig. Aber, gerade wenn Du in dieser Lebensphase nicht schon superviel für andere da bist, oder selbst krank oder aus anderen Gründen keine Ressourcen hast: Probier mal, Dich zu strecken. Dein Herz für anderen weiter aufzumachen. Was Neues zu lernen. Etwas zu tun, einfach, weil es jemand anders gut tut.

 

Du wirst daran wachsen.

 

Und wenn wir alle das machen, sofern wir gerade die Ressourcen haben, wächst die ganze Gesellschaft.